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VON STUART PIGOTT
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
26.10.2003, Nr. 43, S. 56

REINER WEIN
Sinfonie aus Südafrika

Die südafrikanische Weinbranche ist zu Zeiten der Rassentrennung durch die UNSanktionen deutlich in ihrer Entwicklung behindert worden. Aber auch das Apartheid-Regime selbst hat damals vielen Winzern geschadet, die als Mitglieder der "weißen Gesellschaftsschicht" ansonsten zahlreiche wirtschaftliche und andere Vorteile genossen. So wäre es zum Beispiel für einen Weinproduzenten wie Bruce Jack von Flagstone in Kapstadt zu Zeiten der Apartheid undenkbar gewesen, sich als Leitmotto für sein Unternehmen die Worte "Authentizität, Wahrheit, Transparenz" auf die Fahnen zu schreiben. Der stets locker auftretende Jack, 33 Jahre alt, betrachtet es als selbstverständlich, daß im Zuge des "kreativen Prozesses", wie er es nennt, alle künstlichen Trennungen beseitigt werden müssen. Er hat ursprünglich Literatur studiert und faßt das Weinmachen als eine Kunstform auf. Die einzige Schwierigkeit dabei besteht für ihn darin, "die Logistik einer Firma unter Kontrolle zu behalten, wenn man versucht, Poesie zu schaffen". Jack hat Flagstone 1998 gegründet und besitzt das seltene Talent, hervorragende Weine zu gemäßigten Preisen zu erzeugen.

Sein 2002er "Noon Gun" (7,44 Euro, alle Weine bei Südafrika Wein-Market, Telefon 0 40/53 20 63 29) betört mit strahlendem Blüten- und Zitrusduft und zeigt bemerkenswerte Tiefe und Nachhall für einen trockenen Weißwein dieser Preiskategorie. Das rote Pendant, der 2002er "Longitude" (14,42 Euro), gleichermaßen eine Cuvée aus sechs Rebsorten, ist bei viel Substanz wunderbar harmonisch; ein warmer Rotwein, in dem das Herbe der üppigen Gerbstoffe und die Süße reifer Pflaumen- und Schwarze- Johannisbeer-Aromen einander gekonnt die Waage halten.

Doch Jack stellt sein Können nicht nur mit herausragenden Weinen für mehr oder weniger jeden Tag unter Beweis; er spielt auch eine Führungsrolle bei den Bestrebungen Südafrikas, Weltklasse-Weine zu produzieren. Sein 2001er "Dragon Tree" (20,37 Euro), eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon und einheimischem Pinotage, ist ein voller, kräftiger Rotwein, der jedoch überhaupt nicht aufdringlich oder aggressiv wirkt und in Geschmack und Textur an Kakao erinnert. An der Spitze der Flagstone-Kollektion steht der 2001er "The Music Room" (32,09 Euro), ein reiner Cabernet Sauvignon, der Welten entfernt ist von den massiven Gerbstoffen und der Marmeladigkeit, die gegenwärtig von vielen Produzenten in Übersee bei dieser Rebsorte bevorzugt wird. "Cabernet Sauvignon ist wie Musik", behauptet Jack, "er verlangt Disziplin, Übung und Konzentration. Kinder im Musikzimmer machen jahrelang fürchterlichen Krach, doch dann bringen sie auf einmal wunderschöne Melodien zustande." Mit dem zugleich herben und schwungvollen "The Music Room" ist ihm jedenfalls eine bemerkenswerte Sinfonie gelungen, die neu und eindeutig südafrikanisch ist.

Kastentext: Bruce Jack, der Flagstone 1998 gründete, hat Literatur studiert - und er besitzt das seltene Talent, hervorragende Weine zu gemäßigten Preisen zu erzeugen.

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